Meine Profs
Zeit, mal von meinen Kursen in der Uni zu erzählen.
Da ich an meiner Diplomarbeit laboriere, besuche ich nur zwei reguläre Kurse, die verschiedenen Studiengängen angehören, und einen Uni-Spanischkurs. (Aufgrund der geringen "Stichprobengröße" muss ich also von vorneherein einräumen, dass meine Aussagen vielleicht nicht für das spanische Studium generalisierbar sind. :-))
Ist das Studium in Spanien (im Vergleich zu Deutschland) wirklich so verschult, wie man sagt? Für meine Kurse kann ich das nicht uneingeschränkt bestätigen. Kunstgeschichte beginnt (theoretisch) um 8 Uhr morgens, der Prof. ist gleichzeitig Vicerrector de Estudiantes, Empleo y Extensión Universitaria, klein wie alle Spanier und erscheint täglich im Anzug, meist so zwischen 5 und 10 Minuten nach 8 Uhr. Wie in den meisten Kursen des Studiengangs "Geisteswissenschaften" sind wir nur eine Handvoll (zehn) Studenten. Darunter 2 Spanier, 1 Französin, 1 Deutsche und 6 Mexikaner... Senor Payo hält seine Vorlesung. Ein Monolog, während dessen er ab und an etwas an die Tafel schreibt, wenn er über ein Kunstwerk referiert, benutzt er auch den Beamer. Senor Payo ist ein sympathischer Typ, um die 45, dem man die Begeisterung für sein Fach anmerkt. Der Kurs findet dreimal wöchentlich statt und geht über zwei Semester. Nach jedem Semester wird eine Abschlussklausur geschrieben, man kann aber auch eine freiwillige Hausarbeit einreichen. Also bis auf die geringe Anzahl an Studenten eigentlich alles mehr oder weniger wie zu Hause.
Mein Kurs "Kultur und Kommunikation" gehört dem Studiengang "Audiovisuelle Kommunikation" an. Wie viele Kurse in diesem Studiengang hat auch dieser zahlreiche Studenten, etwa 60. Inhaltlich ist der Kurs eher anthropologisch als kommunikationswissenschaftlich geprägt. Der Prof., Senor Fernandez, ebenfalls um die 45, wirkt manchmal etwas griesgrämig. Wenn er nicht aufpasst und denkt, es guckt keiner, lächelt er aber auch mal. Er ist ständig um die Disziplin in der Klasse besorgt. Verständlich, wenn man bedenkt, dass die Kommilitonen die Zeit gern zum Quatschen nutzen. Da kriegt Senor Fernandez dann schonmal einen kleinen Anfall. An Inhalt und Art seines Unterrichts merkt man, dass er ein sehr toleranter, offener und sehr kritischer Mensch ist. Das finde ich an ihm sympathisch. Senor Fernandez hält seinen Unterricht ebenfalls als Vorlesung, also als Monolog. Häufig benutzt er aber auch Powerpoint-Präsentationen oder andere Medien wie Filmausschnitte zur Unterstützung. Verschult ist sein Unterricht nur in einer einzigen Hinsicht: Es gibt mehrmals wöchentlich Hausaufgaben. Meist müssen wir einen Text lesen oder Film sehen und dann einen einseitigen Kommentar dazu abgeben. Ich freue mich immer, wenn wir Filme analysieren. Für die Lektüre von 10 - 20 Seiten wissenschaftlichen Textes auf Spanisch brauche ich eine ganze Weile. Die Filme sind hingegen meist auf Englisch. Gestern zum Beispiel musste ich mir "Little Big Man" mit Dustin Hoffman ansehen und die Darstellung der Cheyennes analysieren. Kein schlechter Film übrigens, obwohl stellenweise etwas merkwürdig. In der ersten Stunde ermahnte uns Senor Fernandez, dass sein Kurs selbstverständlich pünktlich um 9 Uhr anfangen würde. Tatsächlich ist er jedoch nie vor 9:15 Uhr da und überzieht dafür auch um eine Viertelstunde. Gut, dass ich danach keinen Kurs mehr habe.
Scheinbar geben sich die spanischen Profs gern strenger als sie sind. Meine Spanischlehrerin María ist auch regulär Professorin an der UBU. Sie ist 32 Jahre alt, ein netter und fröhlicher Mensch. In der ersten Unterrichtsstunde wies sie uns darauf hin, dass wir nur zweimal unentschuldigt fehlen dürften. Als ich also eine Woche krank war und so zwei Unterrichtseinheiten verpasste, besorgte ich mir brav ein ärztliches Attest. Als ich ihr dieses jedoch überreichte, musterte sie mich verwirrt und gab mir das Attest zurück. Sie sagte mir, ich sei die Erste, die ihr jemals eine Entschuldigung gegeben habe...